Verlauf der Rezession: schnelle Erholung oder längerer Abschwung?

25.11.2008 | Wiesbaden
Anlageexperte Boris Parafinczyk von der Gries & Heissel Bankiers AG rechnet mit länger verlaufendem Abschwung. Erholung in Europa möglicherweise erst 2010. Aktien vorerst untergewichten, Kurserholungen taktisch nutzen

Es steht außer Frage, die Volkswirtschaften der Industriestaaten sind spätestens im 4. Quartal 2008 in die Rezession abgeglitten. Über das Ausmaß und die Dauer der konjunkturellen Schwäche besteht heute noch keine eindeutige Meinung. Denn die Situation ist zu schwierig, zu komplex und immer noch sehr unübersichtlich. Es gibt aus unserer Sicht drei konjunkturelle Szenarien mit unterschiedlicher Eintritts-Wahrscheinlichkeiten: eine rasche Abwärts- und eine ebenso rasche Aufwärtsentwicklung, einen länger verlaufenden Abschwung vor einer wirtschaftlichen Erholung sowie das Abgleiten in eine langjährige Stagnation.

Die geringste Wahrscheinlichkeit messen wir einer V-förmigen Entwicklung bei. Dabei steht das V für eine rasche Abwärts- und eine ebenso rasche Aufwärtsentwicklung mit einem tiefen schmalen Tal. Da bereits die heutige schlechte Auftragslage für eine längere Tal- also Bodenbildungsphase spricht, liegt aus unserer Sicht die Eintritts-Wahrscheinlichkeit bei nur 5 Prozent.

Längerer Abschwung wahrscheinlich

Für deutlich wahrscheinlicher halten wir eine U-förmige Konsolidierung mit einem breiten Tal, also einem länger verlaufenden Abschwung vor einer wirtschaftlichen Erholung. Dieses Szenario, das wir mit rund 65 Prozent Wahrscheinlichkeit favorisieren, würdigt das entschiedene Eingreifen der Regierungen und Notenbanken. Wir gehen davon aus, dass die Mischung aus expansiver Geldpolitik und Konjunkturpaketen zu einer Stabilisierung der Volkswirtschaften beitragen wird. Nicht zu unterschätzen ist in diesem Kontext auch die Entwicklung der Rohstoffpreise, die besonders den amerikanischen Konsum stützen könnte. Vor diesem Hintergrund halten wir eine Stabilisierung der US-Wirtschaft in der 2. Jahreshälfte 2009 für denkbar. In Europa werden wir wahrscheinlich länger auf die Erholung warten müssen, die möglicherweise erst im Jahr 2010 eintreten wird.

Argumente gegen eine langjährige Stagnation

Eine Wahrscheinlichkeit von nur rund 30 Prozent sehen wir bei der L-förmigen Entwicklung. Das L steht für das Abgleiten in eine langjährige Stagnation, wie sie Japan erlebt hat: geringe Wachstumsraten und eventuell deflationäre Entwicklungen. Auch wenn diese keineswegs erfreuliche Entwicklung für einzelne Länder zutreffen mag, so sind wir für die großen Industrienationen deutlich positiver gestimmt. Auch die USA, der zur Zeit größte Patient, sollten künftig von ihrer intakten Demografie, der hohen Nachfrage aus den neuen aufstrebenden Regionen sowie von den riesigen Herausforderungen der ökologischen Erneuerungsprozesse profitieren können. Auch ist der nordamerikanische Arbeitsmarkt sehr flexibel, eine schnelle Anpassung an veränderte Bedingungen ist möglich.

Strategische Untergewichtung von Aktien, taktisches Ausnutzen von Kurserholungen

Trotz aller Ängste, Sorgen und wenig erfreulichen Konjunkturaussichten bietet die Situation an den Finanzmärkten durchaus Chancen. Wir sehen für unsere Vermögensverwaltung eine weiterhin strategische Untergewichtung von Aktien vor und werden dabei ein taktisches Ausnutzen von Kurserholungen im Auge behalten. Der DAX ist noch weit von seiner Bodenbildung entfernt, was weitere Verluste an den deutschen Börsen durchaus erwarten lässt. Doch je tiefer der DAX fällt, desto günstiger sind die Einstiegschancen bei Aktien von Unternehmen, die solide finanziert sind und über eine angemessene Liquidität verfügen.

Quelle: Pressemeldung Delta Lloyd Deutschland AG

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