Standortqualität 2010: Bilanz nach einer Phase intensiven Steuerwettbewerbs

20.04.2010 | Zürich
Credit Suisse veröffentlicht Standortqualitätsindikator 2010 für die Kantone und Regionen der Schweiz

Der Standortqualitätsindikator der Credit Suisse ist auf die langfristigen Potentiale der Schweizer Kantone und Regionen ausgerichtet. Die jüngste Bewertung für das Jahr 2010 zeigt die Auswirkungen der zahlreichen kantonalen Steuerentlastungen der letzten Jahre. Das Ranking wird nach wie vor von den Kantonen Zug und Zürich angeführt. Der Vorsprung auf das Mittelfeld der Kantone ist jedoch kleiner geworden. Am Ende der Rangliste liegen weiterhin die Kantone Jura, Neuenburg und Wallis. Dank einer konsequenten Standortstrategie ist der Kanton Aargau auf den dritten Rang vorgestossen. Im Gegensatz dazu haben einige Westschweizer Kantone wie Genf, Waadt und Fribourg weiter Ränge eingebüsst. Konjunkturbedingt rechnen die Kantone für die nächsten Jahre mit sinkenden Steuererträgen. Kadenz und Intensität von Steuersenkungen werden somit abnehmen, und die kantonalen Unterschiede in der Steuerbelastung werden für längere Zeit Bestand haben.

Im Wettbewerb um zuziehende Unternehmen und Privatpersonen ist die Standortqualität entscheidend. Mit der abnehmenden Bedeutung von administrativen Grenzen steigen die Wahlmöglichkeiten beim Entscheid über den Wohn- und Geschäftsstandort. Die Standorte können sich so positionieren, dass sie die individuellen Präferenzen ihrer Zielgruppen ansprechen. Im Fokus stehen dabei die Rahmenbedingungen, welche ein Standort bietet. Die Pflege der Standortattraktivität gehört daher mittlerweile zu den wichtigsten Aufgaben der Wirtschaftspolitik. Zusätzlich zum internationalen Wettbewerb bietet der Schweizer Föderalismus einen fruchtbaren Nährboden für eine lebhafte landesinterne Konkurrenz. Mit dem Standortqualitätsindikator (SQI) bietet die Credit Suisse ein objektives Mass für die Attraktivität der Schweizer Wirtschaftsstandorte. Darüber hinaus liefert der SQI Hinweise zum langfristigen volkswirtschaftlichen Potential der Schweizer Kantone und Regionen.

Ein bewährtes Mass für die Standortqualität

Der SQI wird von den Ökonomen der Credit Suisse auf der Basis von Daten der rund 2'700 Schweizer Gemeinden seit 2004 in der aktuellen Form berechnet. Er umfasst die wichtigsten fünf quantitativ messbaren Erfolgsfaktoren im Standortwettbewerb: Die Steuerbelastung der natürlichen und juristischen Personen, der allgemeine Ausbildungsstand der Bevölkerung, die Verfügbarkeit von hochqualifizierten Fachkräften sowie die verkehrstechnische Erreichbarkeit. Sogenannte weiche Standortfaktoren - etwa die landschaftliche Schönheit oder die Qualität der öffentlichen Dienste - lassen sich quantitativ kaum messen und unterliegen meist Werturteilen. Aus diesem Grund werden sie für die Berechnung des SQI nicht berücksichtigt.

Nur ein ausgewogenes Profil ermöglicht Spitzenränge

Unangefochten an der Spitze des SQI rangiert der Kanton Zug. Die ausgeprägte steuerliche Attraktivität paart sich in Zug mit einem überdurchschnittlichen Bildungsstand sowie der verkehrsgünstigen Lage an der Nord-Süd-Achse. Seit Eröffnung der Autobahn A4 im Knonaueramt im November 2009 ist Zug noch näher ans Grosszentrum Zürich gerückt. Auf dem zweiten Rang folgt der Kanton Zürich, welcher als Wirtschaftszentrum der Schweiz über zahlreiche Standortvorteile verfügt. Neu unter den drei attraktivsten Wirtschaftsstandorten befindet sich der Kanton Aargau. Dank der steuerlichen Entlastung der juristischen Personen weist der Kanton eine aktuell leicht günstigere Kombination von Vorteilen auf, als das viertplacierte Nidwalden.

Werte des SQI zwischen -0.3 und 0.3 können als im Schweizer Mittel liegend betrachtet werden. Über dieser Schwelle liegen die Stadtkantone Basel-Stadt und Genf. Beide Kantone weisen attraktive Bildungs- und Erreichbarkeitswerte auf, verpassen die Top-Ränge jedoch aufgrund ihrer überdurchschnittlichen Steuerbelastung. Mit ihrem exakt entgegengesetzten Profil, aber ebenfalls über dem Schweizer Mittel, positionieren sich einige kleinere steuergünstige Kantone wie Obwalden, Schwyz, Thurgau und Appenzell Ausserrhoden.

Antizyklisch wirkende steuerliche Massnahmen

Zentrales Element der Standortentwicklung und der am einfachsten zu beeinflussende Faktor ist die Steuerpolitik. 2009 war ein Jahr, in dem ein Grossteil der Kantone steuerliche Entlastungen vorgenommen haben. Die Hochkonjunkturphase der Jahre 2005 bis 2008 hat die kantonalen Kassen gefüllt und Entlastungen ermöglicht. Da die Änderung der Steuergesetze Zeit beansprucht, sind zahlreiche bereits in den Boomjahren beschlossene Massnahmen verzögert per 1.1.2009 in Kraft getreten. Sie wurden damit exakt auf dem Tiefpunkt der vergangenen Rezession aktiv und haben dadurch - wohl eher zufällig - eine antizyklische Wirkung entfaltet. Für 2009 weisen die meisten Kantone in ihren Staatsfinanzen Überschüsse aus. Dieses Bild wird sich in den nächsten Jahren wenden, da konjunkturelle Schocks erfahrungsgemäss mit einiger Verzögerung in die Finanzhaushalte einfliessen. Um nicht in finanzielle Schieflage zu geraten, werden die meisten Kantone die Kadenz der steuerlichen Entlastungen reduzieren. Die kantonalen Unterschiede in der Steuerbelastung im Jahr 2009 werden somit für längere Zeit Bestand haben.

Röstigraben in der Steuerpolitik

Die gesonderte Betrachtung der Steuerbelastung ermöglicht einen Vergleich der kantonalen Steuerstrategien. Während die meisten Westschweizer Kantone sowie Basel-Stadt sowohl die natürlichen als auch die juristischen Personen überdurchschnittlich stark besteuern, liegen die meisten Deutschschweizer Kantone bei beiden Indikatoren unter dem Schweizer Durchschnitt. Eine Reihe von Kantonen wie Bern, Wallis und Basel-Landschaft weist ein asymmetrisches Profil mit einer überdurchschnittlich starken Belastung der natürlichen Personen und einer Belastung der juristischen Personen nahe am Schweizer Mittel auf. Ein anderes Profil charakterisiert den Kanton Zürich, welcher natürliche Personen nur schwach belastet, aus Sicht der Unternehmenssteuern jedoch nur durchschnittlich attraktiv ist. Der steuerlich günstigste Kanton für Privatpersonen bleibt der Kanton Zug. Für Unternehmen liegen Obwalden und Appenzell Ausserrhoden bezüglich Steuerattraktivität an der Spitze.

Steuerwettbewerb nimmt langsamere Gangart an

Aufgrund rückläufiger Steuererträge für die nächsten Jahre rechnen die Ökonomen der Credit Suisse mit einer Stabilisierung der kantonalen Steuergesetze. Im Gegensatz zu ausländischen Standortkonkurrenten präsentieren sich die Staatsrechnungen in der Schweiz jedoch weitgehend intakt, weshalb generell nicht mit steigenden Steuersätzen gerechnet werden muss. Kurzfristig können die Schweizer Regionen also von ihrer stabilen Ausgangslage profitieren. Für eine nachhaltige Standortentwicklung gilt es jedoch auch in Zukunft, die Attraktivitätsfaktoren zu pflegen und Schwächen wo möglich abzubauen.

Quelle: Pressemeldung Credit Suisse

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