Exklusiv aus auto motor und sport Heft 24/2008

03.11.2008 | Stuttgart
VW investiert 3,2 Mrd. Euro in Komponentenwerke Neues Getriebewerk in China - Fertigung in Nordamerika - Werk Kassel soll Elektromotoren produzieren - Neue Jobs für bis zu 240 Ingenieure

Ungeachtet der Finanzkrise investiert Volkswagen weiter in den Ausbau seiner Komponentenwerke. Wie das Magazin auto motor und sport aus Unternehmenskreisen erfuhr, will der Aufsichtsrat in seiner Sitzung am 14. November ein Investitionspaket in Höhe von 3,2 Milliarden Euro für die nächsten fünf Jahre beschließen. Werner Neubauer, Mitglied des Markenvorstands Volkswagen für den Geschäftsbereich "Komponente", will im Interview mit auto motor und sport diese Summe nicht kommentieren, gibt aber einen präzisen Ausblick für das kommende Jahr: "Schon 2009 sollen rund 800 bis 900 Millionen Euro in unsere Werke und Produktentwicklungen fließen - und dann legen wir schrittweise nach." Genutzt werden sollen die Investitionen dieser sogenannten "Planungsrunde 57" unter anderem für den Neubau von Komponentenwerken in China und Nordamerika sowie für die Produktion von Elektromotoren im Werk Kassel.

"In China planen wir in den nächsten Jahren eine 100-prozentige Tochter für die Fertigung des Doppelkupplungsgetriebes", sagte Neubauer. "Der Standort steht noch nicht fest. Die Planung dafür ist schon fast fertig. Die Investitionen werden sich auf rund 140 Millionen Euro belaufen - und wir werden damit rund 500 Arbeitsplätze schaffen." Für das geplante US-Pkw-Produktionswerk in Chattanooga prüfe VW die lokale Fertigung von Getrieben. "Motor und Getriebe produzieren wir weltweit selbst, das gilt auch für Nordamerika. Eine lokale Fertigung hochmoderner Doppelkupplungsgetriebe ist in der Prüfung. Wir prüfen gerade, ob wir unser Motoren-Werk in Mexiko umbauen oder ein neues Werk in den USA aufbauen. Da nur wir das können, wird Kassel diese Projekte federführend planen."

Gleichzeitig kündigte Neubauer an, dass VW Elektromotoren für Hybrid- und Elektromodelle nicht von Zulieferern beziehen, sondern selbst produzieren will. "Generell sehe ich Elektromotoren als neues Geschäftsfeld für die Komponente. Wir wollen für Hybrid- und reine Elektrofahrzeuge den Antrieb komplett alleine fertigen, um die Technik zu beherrschen und gegebenenfalls wieder einen Wettbewerbsvorsprung zu erarbeiten. Einzige Ausnahme sollen die Batterie-Zellen bleiben, schließlich sind wir ein Automobil- und kein Chemie-Konzern. Elektromotoren, Elektronik und das Gesamtpaket wollen wir aber selbst beherrschen." Als Standort für die künftige Elektromotorenfertigung nennt Neubauer das VW-Werk Kassel. "Das könnte in Zukunft in unserem Werk Kassel passieren. Hier sind wir gerade dabei, erste Prototypen zum Jahresende 2008 zu präsentieren."

Stabil halten will Neubauer die Zahl der aktuell 31.800 Beschäftigten, wobei die Zahl der Ingenieure erhöht werden soll: "Mein Wunsch wäre es, die Zahl der heute 600 Entwickler und 600 Planer in den kommenden Jahren um etwa 20 Prozent auszubauen - gerade im Hinblick auf neue Geschäftsfelder. Mindestens 100 Entwickler müssen wir so bald wie möglich an Bord holen."

Wissmann: CO2-Kfz-Steuer muss rasch kommen

"Verzögerung für Autoindustrie fatal" - VDA überprüft Absatzprognose

Stuttgart. Der Präsident des Verbandes der Automobilindustrie (VDA), Matthias Wissmann, hält nicht mehr länger an der Absatzprognose von 3,2 Millionen Fahrzeugen für 2008 fest und fordert die Bundesregierung auf, so schnell wie möglich die CO2-basierte Kfz-Steuer einzuführen, um die Verunsicherung der Verbraucher zu beenden. Bei der angekündigten Aussetzung der Kfz-Steuer komme es darauf an, dass "die umweltfreundlichen Neufahrzeuge aller Hersteller in jedem Segment von der Neuregelung betroffen sind", sagte Wissmann dem Magazin auto motor und sport. "Dann bekämen wir eine schnelle und vor allem unbürokratische Lösung, die sofort eine breite Wirkung im Markt entfalten könnte - bei Privatkunden genauso wie bei Firmenkunden - und die ebenso dem Umweltschutz dient."

Wichtig sei aber, dass "die Bundesregierung in Zusammenarbeit mit den Ländern nun rasch die CO2-basierte Kfz-Steuer umsetzt. Das wäre die konsequente Fortführung des jetzigen Vorschlags. Die Aussetzung der Kfz-Steuer kann nur eine Sofortmaßnahme darstellen, die ganz eng mit der Umsetzung der Kfz-Steuerreform verzahnt werden muss. Das ständige Hinauszögern des Reformvorhabens ist für den Verbraucher völlig unverständlich und für die

Aussichten unserer Industrie fatal." Wissmann weiter: "Der Verbraucher will Klarheit, wann die seit drei Jahren versprochene CO2-basierte Kfz-Steuer endlich kommt. Hier ist die Politik gefordert."

Skeptisch ist Wissmann, dass die deutsche Autoindustrie noch das Absatzziel von 3,2 Millionen Neuzulassungen in Deutschland erreichen wird. "Die Autoverkäufe gingen bis Ende September in Westeuropa um neun Prozent zurück, in Europa wurden insgesamt acht Prozent weniger Neuwagen zugelassen. Der Rückgang auf dem US-Markt ist noch stärker. Wir haben es also mit einem Konjunkturthema im Gesamtmarkt zu tun, das betrifft nicht nur einzelne Hersteller. Deshalb prüfen wir derzeit, inwieweit sich dies auf die Gesamtprognose 2008 niederschlägt. Die Prüfung ist allerdings noch nicht abgeschlossen." Eine Prognose für 2009 sei derzeit unmöglich. "Die Marktentwicklung für das Jahr 2009 ist zum jetzigen Zeitpunkt nur schwer vorherzusagen. Gerade der Inlandsmarkt hängt im Wesentlichen davon ab, wie sich seitens der Bundesregierung geplante Impulse auswirken und wie schnell verlässliche Rahmenbedingungen für die zukünftigen Mobilitätskosten geschaffen werden."

Für völlig übertrieben hält Wissmann dagegen Prognosen, dass in der Autoindustrie bis zu 50.000 Stellen gefährdet sind. "Manche selbsternannte Experten sagen viel, wenn der Tag lang ist. Alle Unternehmen der deutschen Automobilbranche bemühen sich, die enorm gesunkenen Verkaufszahlen zunächst mit besonders sozial verträglichen Maßnahmen wie Abbau von Überstunden oder verlängertem Urlaub abzufedern. Wir sind auf unsere qualifizierten Fachkräfte angewiesen. Da stellt kein Unternehmen ohne wirkliche Not aus." Jetzt müssten "Autoindustrie und Bundesregierung alles dafür tun, dass die Krise so kurz wie möglich sein wird".

Franz: "Insourcing sichert mehrere hundert Jobs"

Sonderschichten für Insignia im Opel Stammwerk Rüsselsheim - Festhalten am 9-Milliarden-Euro-Investitionsprogramm

Rüsselsheim. Der Autohersteller Opel hat das Outsourcing von Dienstleistungen und Produktionsteilen gestoppt und damit begonnen, Teile der Komponentenfertigung, Montage und Entwicklung zurück ins eigene Unternehmen zu holen. Opel sei "personell schon sehr schlank aufgestellt. Deswegen starten wir sogar wieder mit einem verstärkten Insourcing", kündigte Betriebsratschef Klaus Franz gegenüber auto motor und sport an. "Ins Haus geholt haben wir bereits die Cockpit-Montage für den Insignia in Rüsselsheim, die 180 Arbeitsplätze sichert. Daneben durchleuchten wir gerade weitere Produktions- und Dienstleistungsbereiche, wie etwa Konstruktionsaufträge, die noch bei Entwicklungsdienstleistern liegen, aber auch Material-Vorsequenzierungen, die Zulieferer für uns übernehmen." Damit habe Opel eine Wende in der Geschäftspolitik eingeleitet. "Ich stelle mit Freude fest, dass die Konzernführung von ihrem fast schon dogmatischen Outsourcing-Primat abgekommen ist. Wir werden mit Insourcing 2008 und 2009 mehrere hundert Arbeitsplätze sichern können, die ansonsten aufgrund der Produktivitätssteigerungen weggefallen wären."

Die Nachfrage nach dem neuen Modell Insignia (Markstart: 22. November) sei in der Anlaufphase so groß, dass das Insignia-Werk Rüsselsheim Sonderschichten einlegen müsse. "Wir fahren schon heute - bei allen strengen Qualitätsvorgaben - eine sehr steile Anlaufkurve", so Franz. "Doch reicht die bisher nicht aus, um die Nachfrage zu befriedigen. Deswegen haben wir vergangenen Samstag bereits eine Sonderschicht gefahren und werden für 8. November auch die zweite Sonderschicht genehmigen." Mit Sorge blickt Franz indes auf das kommende Geschäftsjahr: "2009 erwarten wir keine einfachere Marktsituation, deswegen verhandeln wir schon jetzt mit der Konzernführung über Maßnahmen, um unsere Flexibilität zu erhöhen. Ergebnisse dazu kann ich erst in drei, vier Wochen nennen. Ein gutes Beispiel ist aber schon jetzt unser Werk Zaragossa: Von den insgesamt 8500 Mitarbeitern beurlauben wir übers gesamte Jahr 2009 hinweg 600 Stellen. Mitarbeiter können sich hier aussuchen, ob sie auf freiwilliger Basis für einen oder für zwölf Monate beurlaubt werden. (...) Mit solchen Maßnahmen können wir uns auf die drohende Durststrecke im Markt einstellen und betriebsbedingte Kündigungen verhindern. Das ist unser oberstes Ziel."

An dem im Frühjahr genehmigten Investitionsprogramm wolle der Konzern festhalten. Aufsichtsratsvize Franz: "Im April 2008 haben wir ein großes Investitionsprogramm verkündet: Wir wollen bis 2012 insgesamt neun Milliarden Euro in Opel investieren, wovon 6,5 Milliarden Euro allein in die Entwicklung neuer Automodelle und neuer Antriebssysteme fließen. Daran halten wir fest - trotz der neuen Herausforderungen, welche die komplette Industrie überrascht haben, ich nenne nur die rasant gestiegenen Rohstoffpreise oder negativen Wechselkurs-Entwicklungen. Verschiebungen bestimmter Investitionen innerhalb dieses Zeitraums von fünf Jahren sind dabei aber nicht ausgeschlossen. Jeder Konzern muss sich bei einer solchen Situation wie heute überlegen, welches Geld er jetzt ausgibt und was er später investieren kann, da sind wir keine Ausnahme. Aber aufgeschoben ist nicht aufgehoben. Trotzdem werden wir gemeinsam mit dem Management die gesamte Wertschöpfungskette nach Einsparpotenzialen analysieren, um gemeinsam erfolgreich im Wettbewerb zu behaupten."

Smart will 2000 Einheiten an Stadt Paris verkaufen

Teilnahme an Ausschreibung Autolib - Weitere Geschäftsmodelle in Arbeit

Stuttgart. Die Mercedes-Kleinwagenmarke Smart will sich an einer Ausschreibung der Stadt Paris über 2000 Elektrofahrzeuge beteiligen. Das Programm namens Autolib startet im Frühjahr 2009 "und wir wollen daran teilnehmen", bestätigt ein Sprecher gegenüber dem Magazin auto motor und sport. Das aktuelle Ulmer Pilotprojekt Car2Go sei dafür eine gute Vorbereitung. Gleichzeitig steht der Konzern nach Informationen des Magazins bereits in Gesprächen mit anderen Metropolen, die sich für umweltfreundliche Fahrzeugflotten interessieren, darunter nicht nur in Westeuropa, sondern auch in den USA.

Neben diesen innovativen Mobilitätskonzepten, wie Car2Go, arbeitet der Konzern an weiteren neuen Geschäftsmodellen, darunter die bessere Vermarktung der eigenen Fertigungs- und Entwicklungs-Kompetenz, erfährt auto motor und sport aus Konzernkreisen. Im Gegensatz zum Wettbewerber BMW stehe dabei aber nicht der Verkauf von Motoren im Fokus, obwohl der Konzern in der Vergangenheit bereits Motoren an Ssangyong und

Chrysler verkauft hatte.

Quelle: Pressemeldung Motor Presse Stuttgart GmbH & Co. KG

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